Sie waren keine Zigeuner, wurden ihnen aber gleichgestellt: Die Karrner
stellen bis heute noch ein heikles, unbewältigtes Kapitel der Tiroler, besonders
der Vinschgauer Geschichte dar.
Im Gegensatz zu anderen Südtiroler Tälern, wo das Anerbenrecht gilt (daher
der «geschlossene Hof»), herrschte im Vinschgau das alemannische
Realteilungsrecht, das von Siedlern aus Schwaben über den Reschen ins Tal
gelangt war, im Kielwasser der Mönche der Benediktinerabtei Marienberg.
Der an sich schon aufgrund des schroffen Geländes wenig einträgliche
Grundbesitz wurde mit der Zeit zerkleinert und unglaublich zerstückelt, die
Bevölkerung nahm zu, während die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten
zurückgingen. Dazu kamen Kriege, Missernten und die Einstellung des
Bergbaus. Um zu (über)leben, mussten sich viele Vinschgauer nach anderen
Auswegen aus bitterster Armut umschauen. Und nicht wenige wurden zu
Karrnern.
Viele Tiroler Autoren des 19. Jahrhunderts haben sie beschrieben, oft
allerdings mit der dünkelhaften Arroganz, aber auch der neidischen Neugier,
die der sesshafte und wohlhabende Bürger den «Anderen» entgegenbringt:
große Familien mit vielen, zerlumpten und fröhlichen Kindern um einen
Karren, der vom Vater, von der Mutter und von den größleren Kindern gezogen
wurde, manchmal mit Hilfe des unausbleiblichen Hundes, seltener eines Esels
oder Maultiers. Es waren zweirädrige Planwagen, die denen der amerikanischen
Far-West-Pioniere ähnelten und dem Karrner als Wohnstatt, Schlafraum und
Laden dienten.
Denn die Karrner waren Wanderhändler. Auf ihren mit allen nur
erdenklichen Waren vollgepackten Karren beförderten sie geflochtene Körbe
und Besen, die sie während des Winters angefertigt hatten, Wagenschmiere
und Schuhcreme eigener Produktion, und dann Obst, Käse, Essig und Salz,
Schleifsteine und Nägel, Bürsten und Streichhölzer, Seife, Knöpfe und
Gummibänder, rustikale Keramikwaren aus Bruneck («Brauneggergeschirr»)
und farbige Drucke. Sie hielten aber auch Vögel feil, sammelten und rösteten
Kastanien, während die Wohlhabenderen unter ihnen auf den großen
Viehmärkten mit Pferden handelten. Der Wanderhandel war allerdings nicht
die einzige Einnahmequelle. Die Frauen, die sich in Kräutern auskannten,
waren als Heilkundige begehrt, Frauen und Kinder erbettelten sich Kleidung
und Esswaren, während die Männer gefragte Musiker waren, besonders als
Ziehharmonikaspieler.
Bei ihrem Herumziehen, bei den Übernachtungen im Freien oder in Ställen
und Scheunen der Bauern kreuzten sich die Wege der Karrner oft mit denen
der Sinti-Zigeuner, die die gleichen Gegenden aufsuchten und oft auch die
gleichen Dienste anboten. Es kam zwischen ihnen zu dauerhaften
Freundschaften, auch zu - allerdings recht seltenen - Ehen. Und die
Karrnersprache, die heutzutage weder gesprochen noch verstanden wird,
scheint auch einige Wörter aus dem Romanes übernommen zu haben, wie
«lowi» Geld von «love», «schugger» schön von «shukar» und «nasch» lauf weg
von «nash».
Die charakteristischen Karrnerwagen waren auf den Südtiroler Straflen bis
nach dem zweiten Weltkrieg anzutreffen. Sie kamen überwiegend aus dem
oberen Vinschgau, vor allem aus den Dörfern Latsch, Tartsch, Prad und
Stilfs, und die verbreitetsten Familiennamen waren Federspiel, Wilhelm, Kuen
und Höfer. Zurückgeblieben sind von ihnen ein paar Gräber auf dem Latscher
Friedhof, einige literarische Werke (bemerkenswert die «Korrnrliadr» von
Luis Stefan Stecher) und ein leichtes Unbehagen nicht weniger Südtiroler
angesichts dieser «heimischen Zigeuner».