Zigeunerbaron oder Umherziehender ohne Heimat? Es gibt auf der Welt
wohl kein anderes Volk, über das es so abweichende Meinungen gibt wie
über die Zigeuner. Von den einen werden sie mythisiert und beneidet, von
den anderen verachtet und verfolgt, und es ist nicht leicht, die Wahrheit von
der Erdichtung zu unterscheiden, die Wirklichkeit von der Romantisierung
oder der Schmähung. Für derlei Divergenzen gibt es eine Erklärung: dass
wir die Zigeuner nicht kennen, dass wir nichts von ihrer Herkunft und ihrer
Geschichte, von ihrer Sprache und ihrem Leben wissen.
In der Tat war es die Sprache, die vom 18. Jahrhundert an die
Wissenschaftler neugierig machte, diese von sanskritischen, persischen,
armenischen, griechischen, slawischen und deutschen Wörtern durchsetzte
Sprache. Die Analyse des Romanes, wie die Universalsprache der Zigeuner
heiflt, hat es ermöglicht, den langen, unglaublichen Weg zu rekonstruieren,
der dieses Volk aus Indien nach Europa geführt hat. Und obwohl es über die
Welt verstreut lebt, hat es seine ethnische Einheitlichkeit, seine kulturelle
Identität, sein Brauchtum und eben auch seine Sprache erhalten.
«
U baro drom -
der lange Weg» ist der Titel der Bozner Ausstellung, die
die Geschichte und Kultur der Zigeuner dokumentieren will. Es
ist dies ein erster, mutiger Schritt, der natürlich kein
vollständiges, erschöpfendes Bild von Sinti und Roma geben
kann.
Sinti und
Roma
: mit diesen Namen bezeichnen sich
die Zigeuner selbst. Aber zu einem besseren, rascheren Verständnis haben
wir den Begriff «Zigeuner» benutzt, wiewohl ihm vielerlei - oft negative -
Konnotationen anhaften.
Die Darstellung, die wir in Bozen von den Zigeunern vermitteln, mag
vielleicht etwas «sinti-zentrisch» sein, während wir nur am Rande auf die
Lage und die aktuellen Probleme der Roma in den osteuropäischen Ländern
eingehen. Aber die Zigeuner, die am längsten in Südtirol leben, sind eben die
Sinti, die dieses Land, in dem sie geboren und seit Generationen ansässig
sind, als ihre Heimat betrachten.
Die Ausstellung
U baro drom
und die aus diesem Anlass erschienene
Publikation wollen den Anstoß zur besseren Kenntnis dieser oft verkannten
Menschen geben, und sie müssen uns dazu bringen, realistisch und objektiv
über ein Volk nachzudenken, das im Laufe der Jahrhunderte mehr als andere
die Phantasie und die Träume von uns allen angeregt hat.
Wolftraud de Concini
Milena Cossetto
U baro drom - Der lange Weg - La
lunga strada
ist nicht nur ein
Ausstellungskatalog oder eine Sammlung von Lehrmaterial für die Schulen,
sondern eine Straße des Wissens und Erfahrens. Die Publikation will
Erwachsenen wie Kindern, Lehrern wie Nichtlehrern, die Möglichkeit geben,
sich - auf Zehenspitzen und sehr diskret - der Welt der Sinti und Roma zu
nähern: einerseits auf der Suche nach den Wurzeln der oft wechselseitigen
Vorurteile, andererseits zur Entdeckung des Zigeunerbilds, das sich im Laufe
der Jahrhunderte in der abendländischen Kultur entwickelt und mit zur
Herausbildung kultureller Stereotype beigetragen hat. Es ist eine abenteuerliche
Reise in Bildern, Geschichten und Gedichten.
Im ersten
Teil der Publikation präsentiert Wolftraud de Concini die
Ausstellungstafeln, die in der Bozner Stadtgalerie zu sehen
sind und einen Überblick über die Geschichte und die Kultur
von Sinti und Roma geben. Letizia Ragaglia zeichnet den
künstlerisch-intellektuellen Werdegang von Otto Pankok, einem
Expressionisten “am Rande”, der lange unter den Zigeunern
gelebt hat und dessen Werke hier erstmals in Bozen gezeigt
werden. Der zweite Teil beginnt mit der vergleichenden
Chronologie Auf der Straße der Zeit, die durch zeitgenössische
kartografische Darstellungen ergänzt wird. Es folgen
gewissenhaft dokumentierte und reich bebilderte Essays - von
Silvia Spada, Elena Farruggia und Milena Cossetto - über das
Zigeunerbild in der bildenden Kunst, in der Geschichte und in
der Literatur: eine Reise durch die kulturellen Stereotype,
ihr Entstehen und ihr Fortbestehen. Dieser Teil enthält auch
drei “Lehrpfade”: Die Volksschüler werden durch Die Welt
der Zigeuner in Geschichten, wie Milena Cossetto sie
ausgewählt hat, zu Märchen und Bildern begleitet, die ihnen
den Zugang zur Welt der Sinti und Roma erleichtern. Für die
Mittelschüler hat sich Elena Farruggia mit den
Traditionellen Gewerben der Zigeuner beschäftigt,
während Milena Cossetto (Faszination und Angst vor dem
Anderen) die Oberschüler durch Texte der europäischen
Literatur führt, in denen Zigeuner, Sinti und Roma,
Tsiganes und Gitanos
die Protagonisten von
Erzählungen, Romanen, Novellen, Gedichten, Opern und Schlagern sind.
Mit einer Auswahlbibliografie, einem Filmverzeichnis und einer Liste der
wichtigsten Web-Seiten wird die vorliegende Publikation abgeschlossen.
Die
Publikation, die dank der engen Zusammenarbeit des Assessorats
für Kultur und Schauspiel der Stadt Bozen - Amt für kulturelle
Güter mit dem Lab*doc storia/Geschichte
des Schulamts Bozen entstanden ist, konnte auf die
wertvolle Mitarbeit der Grafikerin Maria Lenarduzzi und die Beratung vieler
Personen, Verbände, Körperschaften und Institutionen zählen, die mit ihrer
Arbeit die Herausgabe dieser Veröffentlichung ermöglicht haben. Ein
besonderes Dankeschön dem kleinen, damals sechsjährigen Chris, der mir,
als ich Schuldirektorin in Eppan war, die ersten Märchen der Zigeuner erzählt
hat, um mir damit einen Platz am abendlichen Feuer zu machen: Ihm habe
ich es zu verdanken, dass ich Geschichten zu erzählen und Geschichten
anzuhören habe. Und das macht mich glücklich.
Prof. Milena Cossetto
Koordinatorin des
Lab*doc storia/Geschichte